Christliche Musik – wie darf sie klingen?

Andreas Räber

Es war gegen Ende der 1960er-Jahre, als die christlich geprägte Musikszene neue Töne anschlug. Modern, poppig, rockig – man klang jetzt wie alle andern auch – nur mit andern Inhalten. Mit den beiden LPs «The Cold Cathedral» von John Fischer und «Upon This Rock» von Larry Norman ertönte 1969 der Startschuss zu einer neuen musikalischen Epoche: Kirche klang plötzlich modern.

Was ist eigentlich christliche Musik? Ich erinnere mich an den Moment, als im Jahr 2005 das erste christliche Radio der Schweiz – Life Channel – auf Sendung ging. In Gesprächen mit Freunden im Vorfeld fiel mir auf, dass insbesondere bei der Musik – wie sollte es anders sein – die Meinungen ganz unterschiedlich waren. Was ist christliche Musik? Ein spezifisch christlicher Radiosender war eine Neuheit! Der von Life Channel gelieferte Musikteppich überraschte und überforderte.

Christliche Musik hat sich stilistisch erweitert
Christliche Musik hat sich stilistisch erweitert

Gibt es eine klare Definition von christlicher Musik?

Beim christlichen Glauben geht es um viel. Ums Leben, ums Sterben, um Bekenntnisse, um eine klare Ausrichtung in unserem einmaligen Leben – auf etwas Unsichtbares, welches oft als veraltet wahrgenommen wird – sprich gegen aussen auch schwer erklärbar. Dafür braucht es eigene Überzeugung, die nur durch nachhaltige persönliche Erlebnisse möglich ist. Wenn eine Vertrauensbasis zwischen Künstlern und Hörern geschaffen wird, wird man mit seiner Botschaft auch gehört und ernstgenommen. Doch dafür muss man «den Griechen ein Grieche oder den Römer ein Römer werden», wie es der Apostel Paulus in der Bibel ausdrückt.

Um glaubhaft zu sein, um überhaupt gehört zu werden, braucht es ein gutes Transportmittel. So funktionieren wir, so funktioniert unsere Welt. Der erste Eindruck macht es oft aus. Aus diesem Grund sind auch Rockgruppen wie Degarmo & Key, Petra und Stryper entstanden. Sie wollten keine Insidermusik produzieren. Sie wollten von dem, was sie selbst überzeugt hat, erzählen. In einer möglichst modernen Form: CCM – Christian Contemporary Music.

CCM: Spannungsfeld zwischen Botschaft und Anpassung

Ich erinnere mich gut an die 1980er-Jahre, wo immer noch Diskussionen stattfanden, ob ein Schlagzeug in den Gottesdienst-Raum gehört oder nicht. Wie laut die Musik sein darf und in welchen Kleidern man, d.h. frau zu Liedbeiträgen aufzutreten habe – Hose anstatt Rock? Was als Kriterium beigezogen wurde, um die Ernsthaftigkeit im Glauben zu beurteilen. Ein diffuses Korsett, das von Freiheit im Glauben singen sollte. Innere Überzeugung wurde an Äusserlichkeiten gemessen. Das muss nicht grundsätzlich falsch sein. Musik muss ins jeweilige Format  passen. Nur darf die Frage gestellt werden, welche Beweggründe hinter diesen Forderungen standen. Insbesondere ist die Frage nach der Zielgruppe die wichtigste. Denn die bestimmt den Inhalt und die «Verpackung».

Ausbruch und Entwicklung

Da, wo die Entwicklungsmöglichkeiten gering sind, bewusst eingeschränkt werden, da gibt es mutige Menschen, die sich andere Schauplätze suchen. Leslie Phillips zum Beispiel erklärte, dass sie sich aus der christlichen Musikszene zurückziehen und in die säkulare Musik investieren wolle. Die Folge ihres Statements: An ihren Konzerten in Los Angeles verliess rund ein Drittel des Publikums den Saal wegen «unchristlichem Gehabe» und «stilistischen Differenzen». Ihre Neuausrichtung wurde nicht goutiert.

«Es herrscht ein unbeschreiblicher Druck auf christlichen Künstlern. Wir erwarten von ihnen, Helden zu sein, leuchtende Beispiele gelebten Christseins. Wir erwarten, dass sie gerade das tun, wozu wir nicht imstande sind.» (Quelle PACK’S! Archiv)

Amy Grant, bekannt als die Königin des christlichen Pops, war Mitglied einer Kirche, in der aufgrund calvinistischer Prägung im sonntäglichen Gottesdienst keine Instrumente akzeptiert wurden. Grant besuchte einen Jugendkreis unter der Woche, wo mehr Raum für musikalischen Entwicklung war (Quelle: Pack’s). Sie wurde eine der bekanntesten christlichen Sängerinnen. Ihre Single Find a Way wurde das erste christliche Lied, das es in die Billboard Top-40-Liste schaffte. Mit «Baby Baby» landete sie 1991 in den offiziellen amerikanischen Charts einen Nr.1-Hit, in der Schweiz schaffte sie es bis Platz 11 in der Hitparade.

Die zeitgenössische christliche Musikindustrie ist im Laufe der Jahre gewachsen. Der Umsatz mit Alben stieg von 31 Millionen im Jahr 1996 auf 44 Millionen im Jahr 2000. Seit dem Kauf von Sparrow Records durch EMI ist der Umsatz um 100 Prozent gestiegen. Das Hauptziel des Labels besteht jedoch weiterhin darin, durch zeitgenössische christliche Musik positive Auswirkungen auf die Welt zu erzielen. (Quelle: Wikipedia.org)

Kernfrage Botschaft

Fromme Botschaft ausgedrückt in moderner Musik. Spricht etwas dagegen? Nein. «The Medium is the message». Werbeprofis wissen, dass das Medium, das Format, dessen Image etc. grossen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit des Inhalts/ der Botschaft haben. Und nicht nur das: Christliche Musik gehört allen. Darum darf sie ganz unterschiedlich klingen.

Autor: Andreas Räber, langjähriger Oldies-Moderator auf Radio Life Channel, zert. GPI®-Coach, Online Marketing Spezialist

 

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